Die Europäische Wildkatze

Felis silvestris silvestris

Aussehen: ähnlich einer braun-grau-getigerten Hauskatze, aber buschiger Schwanz mit dunklen Ringen und stumpfem, schwarzen Ende; Fellzeichnung eher verwaschen; besonders im Winterfell gedrungen und kräftiger als Hauskatze wirkend
Größe: etwa wie größere Hauskatze
Gewicht: Katzen meist um vier Kilogramm; Kater um fünf Kilogramm
Nachwuchs: zwei bis vier (max. sechs) Junge pro Wurf, kommen zwischen März und September zur Welt; die meisten Würfe im April; zweiter Wurf im Herbst, normalerweise nur bei Verlust des ersten; Tragzeit: 63 bis 69 Tage
Nahrung: in Mitteleuropa vor allem Mäuse; seltener und je nach Angebot: Eidechsen, Frösche, Insekten, Kleinvögel, Hasen, Kaninchen; Aas nur ausnahmsweise; kaum pflanzliche Nahrung
 Spuren: rundliche Form; Hauptballen und vier Zehenballen sichtbar, aber keine Krallen im Abdruck (von den fünf Vorderzehen erscheint der Daumen nicht im Abdruck, die hinteren Pfoten haben nur vier Zehen)
 Alter: etwa sieben bis zehn Jahre, in Gefangenschaft über 15 Jahre

 

Aktuell führen genetische Analysen der Katzenfamilie zu einer Einteilung in 36 bzw. 38 Katzen-Arten und nach O’BRIEN et al. (2008) in 8 phylogenetische Linien: 1.) „Ozelot-Linie“, 2.) „Hauskatzen-Linie“, 3.) „Puma-Linie“, 4.) „Panthera-Linie“, 5.) „Bengalkatzen-Linie“, 6.) „Luchs-Linie“, 7.) „Caracal-Linie“ und 8.) „Borneokatzen-Linie“.
Die „Hauskatzen-Linie“ umfasst die Wildkatzen (Felis silvestris), die Sandkatze (F. margarita), Schwarzfußkatze (F. nigripes), Rohrkatze (F. chaus) und die Hauskatze (F. catus). Die Bezeichnung dieser Gruppe könnte etwas irritierend wirken, da es die Hauskatze ist, die aus einem Teil der in der Gruppe genannten Wildformen hervorgegangen ist. Die Art der Wildkatzen setzt sich aus fünf Unterarten zusammen: die Europäische Wildkatze (Felis s. silvestris), die Afrikanische Falbkatze (F. s. lybica), die Afrikanische Wildkatze  (F. s. cafra), die Asiatische Steppen(Wild-)katze (F. s. ornata) und die Gobikatze (F. s. bieti).

Unter dem Namen Felis silvestris beschrieb 1777 der deutsche Naturforscher SCHREBER die Europäische Wildkatze, einige Jahre später folgten weitere Beschreibungen. 1951 fasste POCOCK die bis dahin beschriebene große Anzahl an Wildkatzen-Arten zu einer Art, welche 21 Unterarten in sich vereinte, wieder unter dem Namen Felis silvestris zusammen. Eine weitere Vereinfachung der Systematik erhielt diese Tiergruppe durch HALTENORTH (1957). Dieser teilte die 21 Unterarten in 3 Unterartengruppen ein: die europäische Wild- (F. s. silvestris), die asiatische Steppen- (F. s. ornata) und die afrikanische Falbkatze (F. s. lybica). Wie oben erwähnt weisen aktuell genetische Studien auf fünf Unterarten hin. Im folgenden  Text wird die Bezeichnung Wildkatze synonym für die Europäische Wildkatze gewählt. In früheren Zeiten bezeichnete man Wildkatzen allgemein als „Kuder“. Heute wird diese Bezeichnung nur noch für die männliche Wildkatze verwendet, im Gegensatz zur weiblichen „Katze“.

Fachinfo:   Ökologie

Primärer Lebensraum der Wildkatze ist und bleibt in Mittelgebirgsregionen der Wald, obwohl Waldränder und angrenzende Wiesen zur Nahrungssuche gegenüber geschlossenen Forsten bevorzugt werden (Schröpfer 2012). Der früheren Annahme, die Wildkatze würde sich fast ausschließlich in Laubwäldern aufhalten, stehen neuere Untersuchungsergebnisse anhand besenderter Wildkatzen entgegen, die eine Nutzung ganz unterschiedlicher Waldformen und Altersklassen belegen. So werden insbesondere auch Nadelwälder mit ausgeprägter Naturverjüngung von der Art genutzt, speziell im Winter bei hoher Schneelage. Besonders geeignet für Wildkatzen sind Strukturen, die entweder hohe Dynamik oder hohe Stabilität (Windwurfflächen versus Altholzbestände mit Totholz) aufweisen. Die Attraktivität von Waldrandbereichen, zur Migration vor allem entlang von Bachläufen  oder zur Nahrungssuche, wurde in neueren Studien vielfach bestätigt (z.B. Trinzen 2009, Klar 2010, Mentzel 2011)[1].

Mit den Mittelgebirgen besiedelt die Wildkatze einen Landschaftstyp, der relativ komplex, aber nicht ausschließlich von geschlossenen Wäldern geprägt ist, da die Art auch strukturreiche und störungsarme Übergangslebensräume besiedelt.

In einer vergleichenden Studien im Nordosten Frankreichs, einer Landschaft, die den deutschen Mittelgebirgen ähnelt, wurden die speziellen Bedürfnisse der Wildkatze ebenfalls untersucht (Sordello 2012)[2]. Auch diese Studie betont die besondere Bedeutung des Übergangssaums zwischen gehölzgeprägten Habitaten und angrenzendem Offenland. Ferner haben Telemetriestudien gezeigt, dass die Waldinnen- und -außensäume die Orte sind, die von der Wildkatze zur Jagd am intensivsten genutzt werden. Überlappungen der Streifgebiete mehrerer Kätzinnen sind weniger ausgeprägt als dies bei Kudern der Fall ist.

Alle in den letzten Jahren durchgeführten Untersuchungen bestätigen die großen Raumansprüche von Wildkatzen in Mittelgebirgslandschaften (Kuder weit über 2000 ha, Kätzinnen 400-500 ha, MCP, VHF Telemetrie über mindestens 1 Jahr)). Eine Telemetriestudie mit 10 besenderten Wildkatzen im Grenzbereich zu RLP und Belgien ergab, dass Kätzinnen bevorzugt die zentralen inneren, also ruhigeren und ungestörten Waldbereiche nutzen (Thiel 2004, Trinzen 2006). Dies wird als Hinweis auf die besondere Störungsempfindlichkeit während der Jungenaufzucht (Bereich der Wurf- und Aufzuchtplätze) gewertet. Bei der bislang umfangreichsten Studie zur Jungenaufzucht von Wildkatzen (Götz & Roth 2006, Götz 2009) zeichneten sich die durch Telemetrie ermittelten Aufenthaltsorte von Wildkatzengehecken durch ein hohes Totholzvorkommen aus. Liegendes Holz oder Wurzelteller dienten, neben Holzpoltern, bevorzugt als Wurflager. Rund 80 % der Wurfbauten befanden sich in Totholzstrukturen am Boden (Götz et al. 2009). Im Solling fanden sich 100 % der Wurfplätze in eben solchen Strukturen oder Felsspalten am Boden (N=15); (Hupe, mündl. Mitt. zitiert nach Simon et al. 2013). Baumhöhlen im stehenden (abgedrehte Kronen) oder liegenden Totholz (Faulhöhlen) werden als ideal für die Jungenaufzucht (Wurflager) angesehen.

Ihre Tagesruheplätze suchen die Tiere – Kätzinnen wie Kuder – überwiegend auf strukturreichen Flächen innerhalb größerer Waldgebiete; häufig genutzte Biotopstrukturen sind dort vor allem Altholzbestände mit reichlich Unterwuchs, Windwurfflächen sowie Waldsaumbereiche mit Heckenbewuchs – schwerpunktmäßig in Bachtälern und Quellbereichen. Diese Ruheplätze lagen in der Regel am Boden, möglicherweise in Ermangelung geeigneter Strukturen wie geräumigen großen Baumhöhlen. Im Sommer ruhten sie tagsüber auch in ungemähten Wiesen. In relativ ungestörten deckungsreichen (Wald-)Gebieten ist eine hohe Tagaktivität von Wildkatzen nachgewiesen. Insbesondere für Kätzinnen, die Junge zu versorgen haben, reichen die wenigen Nachtstunden im Sommer nicht aus.

Insbesondere die nachfolgend aufgeführten Habitatelemente / Faktoren als bedeutsam für die Art erachtet:

  • Baumhöhlen, Baumstubben / Wurzelteller, Holzpolter, Dickungen usw. werden zur Geheckanlage präferiert (Knapp et al. 2000, Götz & Roth 2006).
  • Nahrungs- und deckungsreiche Waldstrukturen allgemein, wie strukturreiche Laubmischwälder mit Lichtungen sowie hohem Grenzlinienanteil, Windwürfe und Sukzessionsflächen (dort ist die Dichte der Beutetiere hoch)
  • Nahrungs- und deckungsreiche Offenlandbereiche: Wiesen, Bachläufe (Piechocki 1990). Auch intensiv bewirtschaftete Wiesen vor allem in Waldnähe (hohe Beutetierdichte); Nahrungshabitate können im Offenland mehrere Kilometer entfernt von geschlossenen Waldgebieten liegen, unter Umständen auch relativ siedlungsnah
  • Landwirtschaftliche Nutzflächen (Wiesen) / Offenlandflächen / Bachbegleitvegetationen können wegen guten Beutetierangebots einen guten, strukturreichen Wildkatzenlebensraum darstellen
  • Von ruhenden Wildkatzen werden undurchdringliche Dickungen bevorzugt (Schröder 2004, Herrmann).

Von besonderer Bedeutung bei Arten mit großen Raumansprüchen sind Vernetzungsaspekte. Als Mindestgröße für eine intakte Wildkatzenpopulation gelten ca. 2.000 km² störungsarme und weitgehend unzerschnittene Waldfläche (vgl. Knapp et al. 2000).

Auf Lichtungen oder an Wäldern angrenzenden Wiesen finden die spezialisierten Mäusejäger ihre Beute. Die Beute der Wildkatze Beute besteht vorwiegend aus kleinen Nagern wie der Feldmaus und der Schermaus. Seltene Ausnahmen im Beutespektrum sind Vögel, Reptilien, Hasen; selbst beim Fischfang wurde eine Wildkatze schon einmal beobachtet. Obwohl die Wildkatze ein exzellenter Kletterer ist, jagt sie hauptsächlich auf dem Boden.

Natürliche Feinde der Wildkatze sind Luchs, der die Katzen in jedem Alter schlagen kann, sowie Uhu, Steinadler, Fuchs, Hermelin sowie Wiesel, die vor allem den unbewachten Jungtieren gefährlich werden können. Gerade junge Wildkatzen werden durch ihre Unerfahrenheit leicht zu Verkehrsopfern, da sie auf der Suche nach besiedelbaren Gebieten gezwungen sind Straßen, Bahnlinien oder Kanäle zu überqueren. Über die Lebenserwartung frei lebender Wildkatzen ist noch wenig bekannt. In Gefangenschaft können Wildkatzen ein ähnlich hohes Alter wie Hauskatzen (bis 20 Jahre) erreichen.

Aufgrund der äußerlich starken Ähnlichkeit zu einer grau getigerten Hauskatze ist die Wildkatze auch bis heute noch oft als verwilderte Hauskatze in den Köpfen der Menschen verankert. Dabei ist die Wildkatze nur eine Verwandte unserer Stubenkater und lässt sich klar von Ihnen unterscheiden.


[1] Corridors should be rich of covering structures; linear structures like hedgerows or overgrown watercoursesare adequate. In our study areas in Rhineland-Palatinate linear structures like watercourses with dense riverrine vegetation within non forested areas were often used by wildcats (Klar 2010, p.51)

[2] Le chat forestier est donc le témoin d’un certain type de paysage, relativement complexe, qui n’est pas exclusivement forestier. (…) La préservation du chat forestier doit donc passer par la prise en compte de cette complexité paysagère qu’exige cette espèce (Sordello 2012).

Les études télémétriques ont par ailleurs montré que les lieux où le chat forestier chasse le plus sont les lisières intérieuresou extérieures des forêts. L’habitat peut ainsi s’étendre sur plusieurs petites forêts à la condition celles-ci soient raccordées les unes aux autres par des haies ou des structures de fonctions comparables qui permettent cet effet « lisière (Sordello 2012)